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Liebe Mitstudierende an dieser Bibliothek,
liebe Dialogpartnerinnen und Dialogpartner,
erlauben Sie mir diese Anrede; denn ich möchte Sie einladen,
gemeinsam in dieser wie auch an dieser kleinen Bibliothek des Zukunftsdialogs
zu arbeiten und hier miteinander zu diskutieren. Sie bietet einen
öffentlichen Orientierungs- und Dialogort, dessen beständiger Kern
eine übersichtlich exemplarische, fachübergreifend nach Fragestellungen
und problemgeschichtlichen Zusammenhängen erschlossene Sammlung von
Büchern, Zeitschriften, Sonderdrucken und Kopien ist. Als Sprechende
Bibliothek mit vielen Erläuterungen und Querverweisen bietet sie sich
als Ihr Gesprächspartner an - vor allem im Blick auf jene Fragen, die
sich erstmals in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stellen, aber
noch keineswegs begriffen sind und die Menschheit fortan als dürstere
Problemschatten begleiten werden. Ich meine die Fragen der Zukunftsverantwortung.
Sie treiben heute viele zum Philosophieren und ins interdisziplinäre
Gespräch. So war es auch mit mir, und so bin ich auch Denkern begegnet,
die davon umgetrieben waren: Hans Jonas und Karl-Otto Apel. So haben Apel
und ich mit dem "Funkkolleg Praktische Philosophie/Ethik" 1980 und 1981 eine
verantwortungsfähige Ethik der dialogbezogenen Praktischen Vernunft
entworfen. Hans Jonas hat 1979 das epochemachende Werk "Das Prinzip Verantwortung
- Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation"
veröffentlicht., Ihm selbst und dem Dialog mit ihm ist die Bibliothek
gewidmet. Daher steht das vielfältige, zumindest fünffältige
Problem der Zukunftsverantwortung im Mittelpunkt:
Gibt es ein verbindliches Prinzip, einen kategorischen Imperativ,
demgemäß wir zur Mitverantwortung für die Menschheitszukunft
verpflichtet sind?
Wie müssen Technologien, wirtschaftliche, politische und rechtliche
Maßnahmen und wie muß unsere Alltagspraxis beschaffen sein, wenn
wir dafür sorgen wollen, daß künftige Generationen ihre
verantwortbaren Lebensinteressen wahrnehmen können, daß künftige
Generationen die kulturellen Rahmenbedingungen und ökologischen
Voraussetzungen vorfinden, um ihrerseits Zukunftsverantwortung wahrzunehmen?
Wie können Wissenschaften aber auch Philosophie ihrer direkten oder
indirekten Mitverantwortlichkeit für menschheitsgefährdende und
naturgefährdende Nebenfolgen von Forschung bzw. Technologie innerhalb
der Forschung, der Wissenschaftstheorie und Philosophie Rechnung tragen -
also verantwortliche Forschung und Philosophie werden? Wie können wir
alle, Mitglieder der technologischen Gefahrenzivilisation und einer
globalisierten Marktgesellschaft, unsere Mitverantwortung begreifen und wie
ihr praktisch gerecht werden?
Dieses noch vielfach ignorierte Doppelproblem der Zukunftsverantwortung,
welches das 20. Jahrhundert dem dritten Jahrtausend post Christum natum aufgibt,
ist nicht das einzige aber das zentrale Thema dieser Bibliothek. Stellt sie
doch eine Verbindung jener Wissenschaften, Praxisfelder und
Forschungszusammenhänge her, die von hohem Belang für die Erarbeitung
differenzierter Lösungen Antworten auf die Frage sind, wie Verantwortung
für eine moralfähige und lebenswerte Menschheitszukunft wahrgenommen
werden kann. Uns darüber kundig zu machen, mündige Partner im
Zukunftsdialog zu werden, sich am Dialog einer neuen Ethik mit den Wissenschaften
und Technologien, mit Wirtschaft und Politik zu beteiligen sind das
nicht die vordringlichsten und menschenwürdigsten Perspektiven
einer Zeitgenossenschaft auf der Höhe der Zeit? Zumal dazu lädt
die Kleine Sprechende Bibliothek des Hans Jonas-Zentrums ein. Daher habe
ich, über der Neubearbeitung des "Bibliotheksschlüssels" und damit
dessen zweiter Auflage brütend, vorgeschlagen, sie sprechende
Zukunftsbibliothek zu nennen und ihr als Kennwort zwei Begriffe voranzustellen,
deren Spannungsbogen das Denkleben von Hans Jonas umgreift* und meinem Leitmotiv
bei der Arbeit an dieser Bibliothek entspricht. Spannt sie doch den Bogen
von den Humaniora, etwa hermeneutischen, juridischen und pädagogischen
Studien über das Selbstverständnis des Menschen in seiner
Bildungs-Geschichte und im Blick auf die Kulturquellen Europas - Jerusalem,
Athen und Rom - hin zu Naturwissenschaften, Medizin und
Wirtschaftswissenschaften, welche vor allem mit Blick auf die Zukunftsprobleme
als Herausforderung unserer Verantwortung vorgestellt werden. Gleichsam als
Losungswort möchte ich daher über die Bibliothek die beiden Begriffe
setzen:
Humanismus und Verantwortung.
Gewachsen zumal aus Teilen meiner Privatbibliothek, einer Nachlaßspende
und finanziellen Unterstützungen von Mrs. Eleonore Jonas, New Rochelle
(New York), Spenden von Gönnern wie Professores Gert König, Bochum,
und Gunnar Skirbekk, Bergen, dient sie vor allem folgenden Zwecken:
-
allen interessierten Zeitgenossinen und Zeitgenossen, nicht zuletzt
Verantwortungsträgern und solchen, die es werden können, will die
Sprechende Zukunftsbibliothek helfen, die politisch-ethischen Herausforderungen
der technologisch-ökologischen Gefahrenzivilisation zu erkunden und
zu deren Klärung beizutragen; in diesem Sinne will sie ihnen bei der
Beurteilung und Lösung ethischer Probleme in den
Verantwortungszusammenhängen von Wirtschaft und Technik, Politik und
Medizin Orientierungshilfe leisten, damit öffentlicher Erkenntnisfortschritt
und ethischer Handlungsfortschritt angestoßen werden;
-
den Philosophiestudenten, die heute mehr denn je fachübergreifend studieren
und arbeiten müssen, soll die Bibliothek dazu Anleitung und darüber
hinaus eine argumentative Orientierung geben, indem sie in die dringendsten
ethischen, politisch-ethischen, wirtschaftsethischen und medizinethischen
Probleme unserer Zeit einführt;
-
Studenten, Doktoranden und Habilitanden aus Naturwissenschaften und Medizin,
Rechtswissenschaften, Wirtschafts- und anderen Sozialwissenschaften will
die Bibliothek problemorientierte sowie begriffliche Querzugänge zur
Philosophie eröffnen, um dadurch fachübergreifende bzw.
transdisziplinäre Diskurse und Problemlösungen zu fördern.
Eine sprechende Bibliothek wird die unsere in dem Maße, wie Sie nicht
etwa nach dem einen oder anderen bestimmten Buch suchen, was Sie mit
größerem Erfolg in einer Instituts-, Universitäts- oder anderen
öffentlichen Bibliothek tun, sondern wenn Sie den Bibliotheksschlüssel
zu Rate ziehen. Treten Sie bitte gleichsam in einen Dialog ein, dessen Partner
einerseits Sie selbst und andererseits die Ratschläge und Fragestellungen,
die Begriffe und Erläuterungen wie auch die Querverweise des
Bibliotheksschlüssels sind. (Nur für die verschiedenen Zeitschriften,
deren Artikel wir nicht aufschlüsseln und erfassen können, nützt
Ihnen der Schlüssel wenig.)
Zu Ihrer Orientierung und zum Dialog untereinander finden
-
regelmäßig kurze Einführungen statt,
-
unregelmäßig auch Bibliothekscolloquien und öffentliche
Leseabende, für die wir Sie um Vorschläge und eigene Beiträge
bitten.
Überdies stehen die öffentlichen Veranstaltungen des Hans
Jonas-Zentrums, die Vorlesungen und Seminare des Lehrstuhls Praktische
Philosophie/Ethik wie auch die Angebote der Forschungsgruppen "Ethik und
Wirtschaft im Dialog" sowie "Ethik und Medizin im Dialog" in engem Zusammenhang
mit der exemplarischen Bibliothek.
Ihrer Orientierung wollen zugleich die folgenden Hinweise zu >Idee und
Aufbau< dienen. Sie enthalten auch Formulierungen von Geltungskriterien,
die auf den ersten Blick nicht ganz leicht verständlich sind, sich aber
erschließen beim Dialogisieren und bei der Reflexion auf die eigene
Dialogrolle (z.B.: "...ich behaupte gegenüber Anderen, daß...").
Auf diese Weise angeeignet, können sie Ihnen sinnkritischer Maßstab
und wichtige Urteilshilfe sein.
Vielfach aus meinen eigenen Lese- und Denkerfahrungen erwachsen, oft
übersät mit Lesezeichen und Glossen, beigefügten
Notizblättern und Zeitungsartikeln, haben Teile dieser Bibliothek einen
persönlichen Charakter, der Sie hoffentlich nicht stört.
Herausflatternde Beilagen, bitte ich, mit der Signatur des dazugehörigen
Buches zu versehen und diesem wieder beizufügen oder in eine Folie bzw.
kleine Mappe zu stecken und uns abzugeben.
Ein Besucher, der mich im Chaos der Bibliotheksarbeit erwischt und sich in
den vorläufigen "Schlüssel" vertieft hatte, meinte nicht ohne Skepsis:
"ein unkonventioneller, riskanter Versuch, in den Sie offenbar viel Zeit,
Denkarbeit und Organisationsmühe investieren". Wie dem auch sei; das
Ganze ist ein Mosaik und auf die Pflege, die Mitarbeit und die materielle
Förderung auch derer, die Anregung und Nutzen daraus ziehen wollen,
angewiesen. Es ist ein zerbrechliches Mosaik im Werden, das durch unachtsame
Wiedereinstellung oder gar durch eine einzelne Entwendung bedroht und als
Sinnzusammenhang gefährdet ist. Bitte nutzen, schützen und pflegen
Sie es. Auch Spenden zur Erweiterung sind sehr erwünscht...
Ich grüße Sie freundlich und heiße Sie willkommen als Benutzer
und Partner an diesem offenen Studien- und Dialogort in memoriam Hans Jonas.
Zugleich lade ich Sie ein, Mitglied des Freundeskreises des Hans Jonas-Zentrums
e.V. zu werden und unser Engagement für den Zukunftsdialog auch durch
einen Jahresbeitrag (von 80,- DM oder mehr - für Studenten und Arbeitslose
nur 25,- DM) zu fördern.
Ihr
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Eine Einladung
an Sie
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