Am Anfang unserer Bibliotheksordnung stehen Erinnerungen an einen Menschen,
dessen Werk, dessen Denkleben und Engagement mir für fachübergreifende
ethische Studien ebenso fruchtbar zu sein scheint wie für politisch
ethische Bildung vorbildlich: Hans Jonas. Ihm ist dieser interdisziplinäre
Dialog-, Orientierungs- und Forschungsort gewidmet. Humanismus - Wissenschaft
- Verantwortung - dieses dreifache Losungswort weist auf einen Denk- und
Lebensweg hin, der humanistische Gelehrsamkeit mit Menschenliebe und dem
Studium naturwissenschaftlicher Forschung verbindet, welcher dann den
zukunftsgefährdenden Folgen der technologischen Zivilisation und globalen
Marktgesellschaft nachgeht.
I JO-AR: Unter dieser Ordnungsziffer bauen wir ein bescheidenes
Erinnerungs-Archiv auf, von dem vorläufig nur drei Videos über
seine Berliner Ehrenpromotion im Juni 1992 und eines der beiden Berliner
Colloquien mit ihm allgemein zugänglich sind. Besucher mit Spezialinteressen
fragen bitte nach unseren Exempla aus dem Nachlaß. (Das große
Jonas-Archiv wird an der Universität Konstanz aufgebaut und ist am 15.
Mai 1998 eröffnet worden.)
In dieser Bibliothek findet sich das Werk von Hans Jonas an mehreren Stellen:
in den Exempla der allgemeinen Philosophie und "Moderne" (All-6-MO-13-JO),bei
dem fundamental-philosophischen Problem, welche Rolle Metaphysik und
metaphysisch-materiale Ethik im Dritten Paradigma des Denkens spielen
können (FD-6a), im Problemzusammenhang Naturphilosophie und Ökologie
(T/Ö-4a), bei der Frage nach der Verantwortung für eine
menschenwürdige Zukunft (T/Ö-5), in der Medizinethik (MED-2a) und
in Beiträgen zur Wirtschaftsethik (etwa: EWD-2, 3) bzw. zur
Zukunftsverantwortung in der Marktwirtschaft (EWD-8).
II - All: Den eigentlichen Anfang der Bibliothek macht die Rubrik "Allgemeines".
Sie enthält Hilfsmittel und Nachschlagewerke (0 und 1), einen
Einführungs- und Übersichtsteil zur Philosophiegeschichte und
Philosophie (3-5), schließlich wesentliche Werke sowie Diskussionen
aus Geschichte und Gegenwart der Philosophie (vor allem 6 und 7).
Zur besseren Orientierung ist die Übersicht über Grundprobleme
der Philosophie (4) nach den - m.E. zu unterscheidenden - drei wichtigsten
Bezugsrahmen oder Paradigmen geordnet, dem der Ontologie (4a), der Subjekt-
oder Bewußtseinsphilosophie (4b) und der Kommunikations- bzw.
Sprachphilosophie (4c). Diese Unterscheidung erlaubt es, die
Philosophiegeschichte als einen Problemzusammenhang mit entwicklungslogischer
Tendenz zu begreifen, statt sie als ein verwirrendes Aggregat bzw. wirres
Auf und Ab oder als ein gleich-gültiges Nebeneinander von Positionen
in einem (bloß willkürlich) "Geschichte der Philosophie" genannten
Museum zu betrachten. Das wäre eine kriterienlose, mithin eigentlich
begriffslose Betrachtung und eine uneingestandene Orientierungslosigkeit;
woran heute in Philosophie und Philosophiestudium freilich kein Mangel ist...
Das hier und vor allem in der Rubrik III - FD zugrundegelegte
entwicklungslogische Schema von drei Paradigmen oder Bezugsrahmen der Philosophie
nimmt an, daß die Entwicklung vom ersten zum zweiten und vom zweiten
zum dritten Paradigma jeweils eine Grundlagenkrise einschließt. Er
postuliert, daß die philosophischen Ansätze bzw. Werke auf dem
Niveau des dritten Paradigmas nur insoweit als philosophisch legitim und
zureichend gelten können, als sie die Grundprobleme der voraufgegangenen
Paradigmen mit sprach- und dialogpragmatischen Mitteln rekonstruieren und
lösen.
Die Rechtfertigung einer Philosophie wäre also ohne Auseinandersetzung
mit der Philosophiegeschichte nicht möglich; ja, diese Auseinandersetzung
müßte in eine Hegelsche "Aufhebung" ihrer grundlegenden
Fragestellungen und deren Bezugsrahmen münden. Demzufolge kann nicht
eine Destruktion oder Dekonstruktion sondern allein eine kritische Rekonstruktion
als Richtschnur einer Auseinandersetzung mit der Tradition gelten.
III - FD: Sowohl den Weg zum dritten Paradigma der Philosophie, also ihre
sprachpragmatische und dialogpragmatische Wende, wie auch die Elemente dieses
Paradigmas soll der Teil FD, also Fundamentalphilosophie, an Beispielen belegen.
Entwicklungslogisch gesehen, geht es hier vor allem um den Aufhebungsschritt
von der subjektphilosophischen Kritik der Vernunft zu der sprach- und
dialogpragmatischen Kritik des Sinns möglicher Rede als eines
Argumentationsbeitrags.
Kurzum, es ist folgende Fragestellung, die hier als Leitfaden empfohlen wird:
Wie kann die Philosophie den sinnkritischen Argumentationsrahmen für
Wissenschaften und für die Erörterung ethisch-praktischer Fragen
abgeben? Und je auf uns selbst bezogen: Kann die These, die ich jetzt
erwäge, als Behauptung mit Geltungsanspruch und damit als einen Beitrag
im argumentativen Dialog vorbringe, den auch meine (möglichen) Dialoggegner,
welche sich durch meine Behauptung als gleichberechtigte
Problemlösungspartner anerkannt sehen wollen, von meinen (faktischen
und möglichen) Dialogpartnern als sinnvolle, sacherschließende
Argumentation und als Beitrag im Dialog mit ihnen verstanden werden?
IV - T/Ö: An die Einführung des sprach- und dialogpragmatischen
Bezugsrahmens des Philosophierens schließt sich eine Skizze der neuen
Problemsituation des Menschen in der hochtechnologischen und
marktwirtschaftlichen Welt an. Diese ist von einer tiefgreifenden
"ökologischen Krise" gezeichnet; offenbar derart tiefgreifend, daß
der Begriff 'Krise' verharmlosend ist. Haben wir es doch nicht mit einer
vorübergehenden Krise sondern mit einem umfassenden Gefahrenpotential
zu tun, das alle Zivilisationen künftig begleiten wird, sofern sie das
hochtechnologische Wissen und die schon damit gegebene unbegrenzte
Auswirkungsdimension des hochtechnologisch vermittelten Handelns und
Wirtschaftens nicht wieder loswerden können.
In T/Ö geht es also um die philosophische, wissenschaftliche und politische
Herausforderung der technologisch-ökologischen Gefahrenzivilisation,
welche uns die Evolution als eine zunehmend gefahrenträchtige Entwicklung
erkennen läßt wie auch als zunehmendes Auseinanderklaffen dessen,
was die vergesellschaftete, technisierte Menschheit bewirkt (was also homo
faber oder homo oeconomicus erfindet, verbraucht und langfristig anrichtet)
und was sie davon wahrnimmt, was sie rechtfertigen bzw. verantworten kann
(was also homo sapiens als mögliche Schadensfolge erwägen und mittels
dialogischer Vernunft kritisch prüfen kann).
Für eine solche Prüfung ergibt sich aus der Dialogreflexion von
FD die Einsicht, zur dialogischen Verantwortung verpflichtet zu sein. Es
ist die Verpflichtung, sich um das konsenswürdige Argument und
dementsprechend um solche Handlungsweisen zu bemühen, welche auch
künftigen Generationen, für die heute argumentiert werden kann,
die Möglichkeit zum argumentativen Dialog und dementsprechend zu einem
verantwortlichen Handeln bewahren und befördern dürften (soweit
wir das nach bestem Wissen und Gewissen sagen können).
Im Licht dieses dialogischen Prinzips der Zukunftsverantwortung sammelt
T/Ö:
(1) wichtige Beiträge zur Diagnose des naturwissenschaftlich-technologischen
Zeitalters, einschließlich Technikphilosophie und Forschungstheorie,
(2) Untersuchungen zur Evolution und Ökologie, zu ökologischen
Problemen und zur Bevölkerungskrise,
(3) Materialien und Untersuchungen zu den wichtigen Hochtechnologien
(Atomenergie, Gentechnologie, Mikroelektronik) wie auch
(4) moderne naturphilosophische und ökologische Theorien.
Die Mitte bildet das zumal von Hans Jonas erschlossene Problem der
Zukunftsverantwortung selbst: (5).
Daran schließen sich Beiträge über die Anwendungsfelder und
zu Anwendungskonzepten einer Zukunftsverantwortung an: Umweltgestaltung (6)
und problemlösungsorientierte Politik (7).
Damit haben wir gewissermaßen den grundsätzlichen Teil eines
interdisziplinären Philosophie- und Ethikstudiums, wenn auch nur an
Exempla durchmessen. Vor diesem Hintergrund und anhand seiner Kriterien
können wir nun Ansätze, Methoden und Ergebnisse verschiedener
theoretischen und praktischer Disziplinen bzw. Forschungszusammenhänge
sowohl studieren wie auch in den kritischen Diskurs ziehen.
Zu diesem Zweck sammelt Abteilung V Exempla unterschiedlicher theoretischer
und praktischer Fächer (1-5), die nichtdisziplinären Traditions-,
Motivations- und Diskurszusammenhänge jüdischen Geistes (6) die
ebenfalls nichtdisziplinären Problemzusammenhänge >Krieg und
Frieden< (7) sowie >Nationalismus bis Nationalsozialismus< (8),
sodann und nicht zuletzt angewandte Ethiken: Wissenschaftsethik (9) und
Medizinethik (10). Leider bezeichnet V6, das die Signatur JD erhalten soll,
gegenwärtig noch eine Leerstelle, weil ich mich noch nicht von den Judaica
in meiner Hausbibliothek trennen kann und wir externe Mittel dafür noch
nicht aufgetan haben...freilich findet sich schon einiges dazu in den Rubriken
JO-AR, All-6MO, FD-5, T/Ö, Rph, DID, PO, NS.
Alles aber, was in Abteilung V gesammelt ist und gesammelt werden soll, mag
sowohl auf der Reflexionsebene sprachpragmatischer und dialogpragmatischer
Sinnkritik (FD) neu durchdacht werden wie auf die neue Zeit- und
Handlungssituation der Menschheit (T/Ö) bezogen werden; damit darauf
angemessene Antworten gefunden werden.
Es sind zumal folgende Disziplinen und Problemzusammenhänge:
V1 - eine metatheoretische Disziplin, die letztlich auf den britischen Empirismus
und die Kantische Erkenntnistheorie zurückgeht, nämlich die
Wissenschaftstheorie: WIS;
V2,3,4 sodann drei traditionsreiche praktische Disziplinen: zunächst
die auf biblisch bundestheologische und antik naturrechtliche
Rechtsbegründungen sowie auf die Systematik des römischen Rechts
zurückgehende Jurisprudenz, die hier vor allem als Rechtsphilosophie
(Rph) von Bedeutung ist; die einerseits in der platonischen und stoischen
Antike andererseits in deren Umformung durch das paulinisch-hellenistische,
lateinisch-patristische Christentum, schließlich in Reformation und
Aufklärung wurzelnde Pädagogik und Didaktik (DID); und die "Politik",
welche Aristoteles zusammen mit Ethik und Ökonomik als Teil der Praktischen
Philosophie eingeführt und die sich erst in der jüngsten Moderne
als Politische Philosophie (PO) bzw. Politikwissenschaft verselbständigt
hat; hier wird sie erneut in ihren Zusammenhang mit der Ethik, der
begründeten Beurteilung und Orientierung politischen Handelns nach ethischen
Prinzipien, gebracht;
V5 - das ebenfalls letztlich praktische Fach Soziologie (SO) bildet sich
aus der Schule G.W.F. Hegels gegen Ende des 19. Jahrhunderts als
selbständige Gesellschaftslehre heraus;.
V6 - der Traditions-, Motivations- und Diskurszusammenhang jüdischen
Geistes, der von der hebräischen bzw. übersetzten Bibel über
talmudische Überlieferung und Hermeneutik bis zu jüdischer
Religionsphilosophie und zur Forschung bzw. Diskussion über das biblische
Erbe mit seiner tendenziell unversalistischen Moral bis zu
neuzeitlich-jüdischen Glaubenstraditionen und jüdischen säkularen
Traditionen reichen soll. Leider noch pures Desiderat...
V7,8 - zwischen Politischer Philosophie und Pädagogik, Soziologie, Historie
bzw. Geschichtswissenschaft und Rechtsphilosophie sind zwei
Problemzusammenhänge angesiedelt, die wichtige Forschungsfelder und
ethische Arbeitsbereiche der Praktischen Philosophie sind und bleiben: Krieg
und Frieden (KuF), der sich von der thomasischen und frühzeitlichen
Anwendung des Naturrechts und der Rechtstheologie auf Außenpolitik
und Kriegführung (Kriegsrecht und Völkerrecht) bis zu den
Abrüstungs- und Rüstungskontrollproblemen im Atomzeitalter erstreckt;
sodann die nach wie vor aktuelle, ethische wie politische Aufmerksamkeit
erfordernde Intoleranz, welche die Formen von Ethnozentrismus, Rassismus
und Nationalsozialismus (NS) annehmen kann bzw. konnte...
V8,9 - Einstweilige Schlußsteine der exemplarischen Bibliothek sind
zwei angewandte Ethiken, deren Begründung im Bezugs rahmen der Sprach-
und Dialogpragmatik (FD), deren Durchführung im Lichte der
Zukunftsverantwortung unserer Gefahrenzivilisation (T/Ö), aber auch
im Lichte von Kriegsgefahr, Kriegsrealität (KuF) und der Erfahrungen
mit Nationalismus bzw. Nationalsozialismus zu leisten ist:
Einerseits die Wirtschaftsethik, der sich unser Arbeits- und Herausgeberkreis
>Ethik und Wirtschaft im Dialog EWD< gewidmet hat, andererseits die
Medizinethik (MED), die in Berlin viel Aufmerksamkeit und auch studentisches
Engagement findet. Hans Jonas hat beiden fortwirkende Impulse gegeben.
VI Als Orientierungshilfe beim Schreiben philosophischer Texte legen wir
eine kleine Sammlung studentischer Arbeiten und Examensschriften mitsamt
kritischen Kommentaren bzw. Gutachten an: EC - Exempla critica.
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